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Measuring Time von Heleon Habila

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Measuring Time ist der zweite Roman von Helon Habila nach ?Waiting for an Angel? und erzählt die Geschichte von Zwillingen aus dem Norden in Nigeria in den 80er und 90er Jahren. Die Mutter von Mamo und LaMamo, so verwirrend ähnlich sind die Namen der beiden Hauptfiguren, stirbt bereits bei der Geburt. Ihren Vater Lamang können sie nicht leiden. Sie sind so sehr von ihm angewidert, dass sie ihm sogar Skorpione in seinen Schuhen verstecken. Ihre Tante Marina wird zur ersten und wichtigsten Bezugsperson.

Die Zwillinge haben zwar fast denselben Namen, sind aber von Grund auf sehr verschieden. LaMamo ist furchtlos, athletisch, stark und kühn. Mamo leidet unter Sichelzellenanämie und ist deshalb schwächlich und sehr anfällig. Der Roman verfolgt ihre auseinander gehenden Leben.

Beide wollen gemeinsam das Dorf verlassen und sich der Armee anschließen. Sie laufen weg, ohne jemandem von ihren Absichten zu erzählen. LoMamo schafft es, sein Bruder kann wegen der Krankheit nicht weiter, kehrt um und verschweigt seinem Vater, was sein Bruder vor hat. Habila lässt LaMamo einen Freiheitskämpfer, Soldat und/oder Söldner – je nach Konfliktlage – in Afrikas unzähligen Kriegen werden. Wer wie Mamo unter einer Sichel-Zellenanämie leidet, der ist hingegen zum Zeit messen verdammt. So beschreibt denn auch das Kapitel, welches dem Buch den Titel gibt, ausführlich, wie Mamo die Zeit totschlägt.

Der Vater bringt es zu bescheidendem Wohlstand als Unternehmer und wendet sich dann der Lokalpolitik zu. In allen Schattierungen wird das System nigerianischer Politik nachgezeichnet. Habila fächert dieses System auf: von der Innovation, die Wähler an ihren Kandidaten durch freies Fernsehen in der Nähe des Hauses zu binden bis hin zu den hinterhältigen Intrigen in der Partei. Dabei erscheint dem Leser die Beschreibung des Wechsels von einer Partei zu anderen und zurück sowie andere Mechanismen als eine Momentaufnahme der aktuellen Situation der nigerianischen Politik.

Mamo wird ein Gelehrter und – fast widerwillig – ein Historiker. Er schreibt einen Artikel über sein Geschichtsverständnis, der in einer ugandischen Fachzeitschrift publiziert wird. Das spricht sich schnell rum und Mamo wird zu einer lokalen Berühmtheit. Dies hat zur Folge, dass der Berater des lokalen Herrschers (waziri) ihn engagiert, um die Familiengeschichte des mai zu schreiben. Diese Arbeit stößt Mamo mitten hinein in einen Hexenkessel lokaler Politik, in die Untiefen traditioneller Machtsicherung, Korruption und Intrigen.

LaMamo kehrt nach vielen Jahren von den diversen Kriegsschauplätzen zurück. Er will seine schwangere Frau nachkommen lassen und wird aber im Kugelhagel der Polizei schwer verletzt, als diese eine Demonstration auflöst. Die Demonstration ist das Resultat der Arbeit von Mamo, der bei seinen Recherchen für die Biographie des mai über Korruptionspraktiken erfährt, die der Bevölkerung dringend benötigtes Trinkwasser vorenthält. LaMamo nimmt seinem Bruder Mamo auf dem Sterbebett das Versprechen ab, dass sein Kind in ihrer Heimat in Keti aufwachsen soll. Und so kommt gegen Ende des Romans Bintou, die Frau von LaMamo, auch noch nach Keti. Gemeinsam verbrennen sie die Briefe und Zeichnungen. Und Moma wünscht sich still, dass auch jemand für ihn so trauern möge, wie er es bei seiner Schwägerin sehen kann.

In Measuring Time dominiert die Perspektive des Lehrers und Historikers Mamo. Seine Kr�nklichkeit, seine Verletzbarkeit und die bewusste Gegenüberstellung zum umherziehenden Bruder macht ihn zu einer Art nigerianischen Helden, der verschiedene persönliche Tragödien erleidet und übersteht.
Dagegen erscheint LaMamo nur periodisch auftretend in der Form von seltenen und schlecht formulierten Briefen, die sein von Gewalt und Krieg beherrschtes Leben beschreiben. Diese Figur bleibt auffallend blass und vage, als ob sich Habila nicht mehr erinnert, warum er ihn interessant fand.
Habila beschreibt in diesem Roman auch Bestechung, Arbeitslosigkeit und Mangel an jeglicher Infrastruktur und wie fast alle Versuche, die Dinge zum Besseren zu bringen, scheitern oder aktiv durchkreuzt werden. So wird die Schule des Onkels, die vor allem den arbeitslosen Jugendlichen eine Perspektive geben will und in der auch Mamo lehrt, geschlossen, weil Mamos Vater in der Lokalpolitik zu viele Gegner hat.
Über die Macht des Geisterglaubens hat Habila ein fast unglaubliche Episode eingebaut. Die Zwillinge hören nämlich, dass Hunde Geister sehen können, und wenn Menschen sich sie wässerige Augenflüssigkeit eines Hundes in das eigene Auge reiben, diese Macht auf den Menschen übertragen wird. Deshalb töten sie in einem raffinierten Plan den Hund einer alten Frau, die eine Hexe sein soll. Aber anstatt der übernatürlichen Kräfte, bekommt Mamo eine schlimme Augeninfektion und LaMamo bricht sich ein Bein, als er vom Baum fällt.

Die Themen der Religion, der Stammesloyalität, die Fragen der Politik, der Bildung, die Beschreibung der katastrophalen Infrastruktur dominieren diese Arbeit von H. Habila. Sein Stil ist orakelhaft und erinnert an afrikanische Märchen-Erzähler. Das Buch integriert viele Themen des modernen afrikanischen Romans. Es ist sowohl ein historischer Roman als auch eine psychologische Studie. Habila ist ein schöner Roman gelungen, in dem die Geschichte einer Familie und Gemeinschaft im nördlichen Nigeria in den 1980er Jahren und Anfang der 90er Jahre in einem breiten sozialpolitischen Kontext meisterhaft erzählt wird. Leider ist das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen.
Sie erhalten es beispielsweise bei Amazon für knapp 10 Euro

Measuring Time von Helon Habila, W W Norton & Co Ltd, 2007,
ISBN-10: 0393052516 , ISBN-13: 978-0393052510

Geschrieben von jschmillen

16. April 2008 um 11:46:26

Veröffentlicht in Geschichten aus Nigeria, Nigeria

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